Wie mir die Fotografie nach meinem Unfall 2011 geholfen hat

Heute möchte ich eine sehr persönliche Geschichte mit euch teilen. DafĂŒr drehe ich die Uhr 5 Jahre zurĂŒck und erzĂ€hle, was mir 2011 passiert ist und wie mich die Fotografie wieder zurĂŒckgebracht hat.

Vorgeschichte

Einige von euch wissen, dass mir Fotografie sehr viel bedeutet. Seit ich 2005 damit begonnen habe, gab es kaum noch andere Themen fĂŒr mich. Auch heute ist es noch so, dass ich mich jeden Tag damit beschĂ€ftige. Ich gehe nicht jeden Tag fotografieren, aber ich schaue mir jeden Tag Bilder an, lese ĂŒber Fotografie oder ich denke darĂŒber nach.

Skatefestival in Köthen

Im Juli 2011 habe ich ĂŒber das Wochenende eine Freundin besucht. Sie wohnte in einer Stadt, die mit der Bahn eine Stunde entfernt war. Genau an diesem Wochenende fand aber in meiner damaligen Heimatstadt Köthen ein Skatefestival statt, dass ich unbedingt fotografieren wollte. Ich habe dieses jĂ€hrlich stattfindende Event jedes Jahr fotografiert. Ich mochte Skateboarding schon seit ich 7 Jahre alt war und habe frĂŒher auf Eurosport regelmĂ€ĂŸig die X-Games geschaut. Deshalb war fĂŒr mich klar, dass ich die einstĂŒndige Fahrt in Kauf nehme und danach wieder zu besagter Freundin zurĂŒck fahre.

Der Weg zum Unfall

Ich hatte bei dem Skatefestival in Köthen eine tolle Zeit und konnte auch einige vorzeigbare Fotos einfangen. Den RĂŒckweg zum Bahnhof trat ich dann mit dem Fahrrad an. Auf einer viel befahrenen Straße in Köthen wollte ich links abbiegen und hielt meinen Arm raus, um dies anzuzeigen. Ich hielt den Arm ca. 5 Sekunden raus und bog dann ab, leider ohne mich noch einmal umzusehen. In diesem Moment wollte mich ein Auto ĂŒberholen. Ich wurde vom vorderen und hinteren KotflĂŒgel des Autos getroffen und vom Fahrrad geworfen. Dabei landete ich auf dem unteren RĂŒckenbereich, auch LendenwirbelsĂ€ule genannt. Nach einem schmerzvollen Schrei realisierte ich, dass das Auto hinter dem Unfallauto zum GlĂŒck zum stehen gekommen war. In kĂŒrzester Zeit waren die Fahrer der umstehenden Autos bei mir. Ich prĂŒfte, ob ich meine Beine noch bewegen konnte und das funktionierte. Zwei Minuten spĂ€ter war ein Krankenwagen da und ich wurde mit großer Vorsicht aufgeladen und ins Krankenhaus gefahren.

Röntgen und OP

Die Röntgenaufnahmen zeigten zwei gebrochene Wirbel der WirbelsĂ€ule im LendenwirbelsĂ€ulenbereich. Ich durfte nur auf dem RĂŒcken liegen und mich keinesfalls bewegen. Mit starken Schmerzmitteln wurde ich zwei Tage spĂ€ter nach Halle (Saale) verlegt, wo eine OP stattfinden sollte. Dabei wurden die Wirbel mit einer Metallkonstruktion fixiert, sodass die gebrochenen Wirbel ĂŒberbrĂŒckt wurden. Auch vor der OP wurde ich belehrt, dass dieser Eingriff nicht nur gute Folgen haben konnte. Dank den Ärzten ging aber alles gut. Ich hĂ€tte sowohl beim Unfall selbst, als auch bei der OP querschnittsgelĂ€hmt sein können, aber das Schicksal meinte es gut mit mir.

Das erste Foto - Blick im Krankenhaus

Das erste Foto nach dem Unfall im Krankenzimmer

Das erste Mal wieder aufstehen

Drei Tage nach der OP und nach insgesamt fĂŒnf Tagen liegenbleiben, konnte ich das erste Mal wieder aufstehen. Man glaubt gar nicht, wie schnell der Körper abbaut, wenn er keine Bewegung hat. Unter Schmerzen und mit grĂ¶ĂŸter Anstrengung schaffte ich es bis zur Toilette des Krankenhauszimmers und zurĂŒck. Bereits auf dem Balkon und in anderen Teilen des Krankenhauses versucht ich wieder mit dem Handy zu fotografieren.

Hilfe im Alltag

Nach insgesamt zwei Wochen im Krankenhaus war abzusehen, dass ich den Alltag die nĂ€chsten Wochen nicht ohne fremde Hilfe bewĂ€ltigen konnte. Das hing besonders mit mangelnder Kraft und Beweglichkeit zusammen. Meine Mutter brachte mich zu meiner Schwester und meinen Schwager, die fĂŒr mich damals die meiste Zeit aufbringen konnten. Als ausgebildete Physiotherapeutin war mir meine Schwester damals eine große Hilfe. Zu dieser Zeit musste ich pro Tag noch 4 Ibuprofen 600 nehmen, ThrombosestrĂŒmpfe tragen und mir selbst Thrombosespritzen in den Bauch geben.

Ich war froh, dass ich diesen Unfall so „gut“ ĂŒberstanden hatte. Sicher wĂŒrde die Heilung einige Wochen oder Monate dauern. Bewegung war zu diesem Zeitpunkt kaum möglich. Einmal vor die TĂŒr zu gehen, um etwas frische Luft zu schnappen, kostete mich so viel Anstregung, dass ich danach völlig kaputt war.

Doch von Tag zu Tag ging es besser. Was sollte ich in dieser Zeit machen? NatĂŒrlich habe ich viel gelesen. Ich wusste aber, dass eine der ersten Sachen, die ich wieder machen wollte, rausgehen war. Ich wollte wieder fotografieren. Die Ärzte sagten, dass ich keine grĂ¶ĂŸeren Gewichte heben durfte. So blieb mir nichts anderes ĂŒbrig, als weiterhin mit meinem Handy zu fotografieren. Aber das war fĂŒr mich ĂŒberhaupt nicht schlimm, Hauptsache ich konnte wieder fotografieren. Mit jedem Tag machte ich ein wenig lĂ€ngere SpaziergĂ€nge. Ich lud mir ein paar Fotoapps herunter und fotografierte eine Serie ĂŒber die Landschaft dort.

Ich hatte jeden Tag das Ziel, wieder rauszugehen und wieder zu fotografieren. Wenn ich drin war, dann las ich oder arbeitete an meiner Website. Noch heute kann man in Google Analytics sehen, dass ich viel Zeit hatte und die Anzahl der Besucher durch meine Arbeit damals krÀftig zugenommen hat.

Besucherentwicklung auf der Website zu dieser Zeit

Besucherentwicklung auf der Website zu dieser Zeit

Reha in Bad Schmiedeberg

Nach vier Wochen bei meiner Schwester und meinem Schwager fuhr ich zur Reha. Ich wusste, dass ich immer noch keine schwereren Dinge heben durfte. Ich konnte nun aber meine Spiegelreflexkamera wieder tragen, wenn auch ohne Stativ. Wenn ich in der Rehabilitationseinrichtung kein Sport- oder Behandlungsprogramm hatte, war ich viel in der umliegenden Landschaft zum Fotografieren unterwegs. Je fitter ich wurde, umso hĂ€ufiger stand ich frĂŒher auf, um die Landschaft im Morgentau beim Sonnenaufgang zu fotografieren. Es war September und ich konnte den Nebel ĂŒber den Feldern in meinen Bildern einfangen.

Nebel ĂŒber einer alten Bahnstrecke bei Bad Schmiedeberg

Nebel ĂŒber einer alten Bahnstrecke bei Bad Schmiedeberg

Die Reha ging drei Wochen. Ich wurde körperlich wieder fitter, allerdings war ich noch immer weit entfernt vom alten Niveau. Der behandelnde Arzt riet mir, die Reha um weitere zwei Wochen zu verlÀngern. Ich lehnte aber ab. Der Grund: Ab Mitte Oktober hatte ich eine dreiwöchige Foto-Reise nach Schottland geplant. Ich musste wieder fotografieren!

Fotoreise nach Schottland

Mit einigen körperlichen EinschrĂ€nkungen trat ich die Schottland Reise an und es wurde der vielleicht beste Fototrip, den ich jemals gemacht habe. Über die Schottland Reise habe ich damals ein Reisetagebuch geschrieben.

Nachwirkungen

Ein halbes Jahr lang war ich krankgeschrieben. Bis ich mich bezĂŒglich Kraft wieder von diesem Unfall erholt hatte, verging ein ganzes Jahr. Weitere 1,5 Jahre brauchte es, bis ich durch viel Sport und Bewegung wieder schmerzfrei war.

Meine Familie, meine Freunde und die Fotografie haben mir in dieser Zeit viel Kraft und Motivation gegeben, jeden Tag wieder ein StĂŒck weiter in das Leben zurĂŒckzukehren.

7 Kommentare

  1. Nutzer Avatar

    Ziemlich krasse Geschichte wie es zum Unfall kam und wie du dich selbst mit Hilfe deiner Familie und der Liebe zur Fotografie wieder auf die Beine gebracht hast. Bin selbst viel mit dem Fahrrad unterwegs und deine Story erinnert mich wieder daran noch mehr im Straßenverkehr aufzupassen.

    • Nutzer Avatar

      Ja, die eigene Gesundheit ist Grundbedingung fĂŒr alles Weitere. Ich habe immer starken Drang, diese Geschichte zu erzĂ€hlen, wenn ich Fahrradfahrer nachts ohne Licht fahren sehe…

  2. Nutzer Avatar
    Dieter Obert

    Hut ab! Bei dir kann man nicht nur etwas ĂŒber das Fotografieren lernen, was dank deines Schreibstils angenehm und motivierend ist.

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