Was ist der Dynamikumfang der Kamera? [Guide]

Was ist der Dynamikumfang der Kamera? Muss ich darauf erst beim Fotografieren oder schon beim Kauf der Kamera achten? Hier kommt mein Guide dazu!

Was bedeutet der Dynamikumfang der Kamera?

Dynamikumfang in der Fotografie und bei der Kamera bezeichnet den Unterschied zwischen der hellsten und der dunkelsten Stelle bei einer Aufnahme.

Eine Szene mit hohen Kontrasten hat einen hohen Dynamikumfang. Du kannst dir als Beispiel eine Gegenlichtaufnahme vorstellen, etwa eine Landschaftsaufnahme mit Sonnenuntergang. Wenn die Sonne noch am Himmel steht, ist dieser Bereich sehr hell. Die Landschaft ist dagegen deutlich dunkler.

Für das menschliche Auge sind diese Kontrastunterschiede kein Problem. Das Gehirn sorgt dafür, dass du sowohl rund um die Sonne und in den Wolken als auch in der Landschaft noch viele Details sehen kannst – nichts ist zu hell oder zu dunkel.

Verglichen mit dem menschlichen Auge hat eine digitale Kamera nur einen sehr begrenzten Dynamikumfang. Um die Helligkeit eines Bildes festzulegen, kannst du gezielt eine Über- oder Unterbelichtung einstellen.

Stell dir noch einmal das obige Beispiel vor, bei dem du in Richtung Sonnenuntergang fotografierst. Je nachdem wie du die Kamera einstellst oder was der Automatikmodus festlegt, bekommst du ein bestimmtes Ergebnis.

  • Möglichkeit 1: Du belichtest für die passende Helligkeit des Himmels. Dann kannst du die Farben des Sonnenuntergangs gut einfangen. Dann wird die Landschaft jedoch meist zu dunkel.
  • Möglichkeit 2: Du belichtest für die passende Helligkeit der Landschaft. Dann sind die Details der Landschaft gut zu sehen, der Himmel ist jedoch meist viel zu hell.

Eine solche Szene hat also einen hohen Dynamikumfang. Es ist schwer für die Kamera in allen Bildbereichen Details einzufangen, ohne dass bestimmte Stellen zu hell (weiß) oder zu dunkel (schwarz) werden.

Dynamikumfang: Belichtung für den Himmel, Vordergrund zu dunkel

Dynamikumfang: Belichtung für den Himmel, Vordergrund zu dunkel

Übersteigt der Dynamikumfang einer Szenerie den Dynamikumfang der Kamera, dann werden die hellen Stellen weiß und die dunklen Stellen schwarz. An diesen Stellen ist keine Bildinformation mehr vorhanden. Auch in der Nachbearbeitung lässt sich hier nichts mehr rekonstruieren – mehr dazu weiter unten.

Dynamikumfang: Belichtung für den Vordergrund, Himmel zu hell

Dynamikumfang: Belichtung für den Vordergrund, Himmel zu hell

In der Praxis ist es oft so, dass bei zu hohem Dynamikumfang nicht schwarze und weiße Bildbereiche gleichzeitig auftreten, sondern nur eines von Beidem. Das hängt von der gewählten Belichtung ab. Wenn du mehr über gezielte Belichtung wissen möchtest, dann kann ich dir meinen Artikel über Blende, Belichtungszeit und ISO ans Herz legen.

Eine Szene mit wenig Dynamikumfang ist beispielsweise Nebel. Da der Nebel das Licht streut, gibt es hier keine starken Kontraste im Bild. Für den Kamerasensor ist dieser vergleichsweise geringe Dynamikumfang kein Problem.

Nebel über einer alten Bahnstrecke bei Bad Schmiedeberg

Nebel über einer alten Bahnstrecke bei Bad Schmiedeberg

Macht es einen Unterschied, ob ich in RAW oder JPG fotografiere?

RAW Dateien haben normalerweise einen etwas höheren Dynamikumfang als JPGs. Das bedeutet, dass du dann bei der Entwicklung der RAW Datei in den hellen und dunklen Stellen noch mehr Informationen zurückholen kannst. Das ist einer der großen Unterschiede zwischen RAW und JPG.

Allerdings ist auch bei RAW Dateien der Dynamikumfang begrenzt. Wenn eine Stelle überbelichtet ist und dort keinerlei Bildinformationen mehr vorhanden sind, dann lässt sich auch in der Entwicklung nichts mehr rekonstruieren. Genauso verhält es sich mit den dunklen Stellen, wo nur noch schwarz als Bildinformation vorhanden ist.

Haben unterschiedliche Kameras unterschiedlichen Dynamikumfang?

Ja, jede Kamera hat ihren eigenen Dynamikumfang. Dieser wird in Blendenstufen angegeben. Je größer der Kamerasensor ist, umso größer ist in aller Regel auch der Dynamikumfang. Aber auch bei gleicher Sensorgröße gibt es Unterschiede zwischen dem Dynamikumfang der jeweiligen Sensoren.

Unterschiede im Dynamikumfang verschiedener Kameras, Grafik von DxO

Unterschiede im Dynamikumfang verschiedener Kameras, Grafik von DxO

Wie im Diagramm auch zu sehen ist, ist der Dynamikumfang geringer, je höher die ISO eingestellt ist. Daher ist es in dieser Hinsicht sinnvoll, eine möglichst niedrige ISO zu nutzen.

Hat ein Vollformatsensor mehr Dynamikumfang als ein APS-C Sensor?

Ja, in den meisten Fällen hat ein Vollformatsensor mehr Dynamikumfang als ein APS-C Sensor. Bei gleicher Megapixel-Anzahl geht es dann primär um die Größe der einzelnen Pixel.

Ein Beispiel: Die Pixel eines 24 Megapixel Sensors einer APS-C Kamera haben eine bestimmte Größe. Die Pixel eines 24 Megapixel Sensors einer Kamera mit Vollformatsensor sind logischerweise größer. Das kannst du dir für jeden Pixel wie einen kleinen Eimer Wasser vorstellen. Beim Vollformatsensor sind diese Eimerchen etwas größer und können somit auch mehr Licht einfangen. Das Ergebnis ist ein höherer Tonwertumfang.

Diese „Regel“ gilt für die meisten Kameras. Je nach Technologie kann aber ein APS-C Sensor auch einen sehr guten Dynamikumfang haben.

Weiterführende Infos zu diesem Thema findest du hier und hier.

Unterschiede im Dynamikumfang zwischen einer APS-C Kamera (links) und einer Vollformatkamera (rechts), Grafik von DxO

Unterschiede im Dynamikumfang zwischen einer APS-C Kamera (links) und einer Vollformatkamera (rechts), Grafik von DxO

Für welche Motive spielt Dynamikumfang eine Rolle?

Dynamikumfang ist primär in der Landschafts-, in der Architektur- und in der Hochzeitsfotografie ein Thema. Das obige Beispiel erklärt den Aspekt in der Landschaftsfotografie.

In der Hochzeitsfotografie strahlt häufig das weiße Kleid der Braut im Gegensatz zum dunklen Anzug des Bräutigams und sorgt so für hohe Kontraste im Bild. Bei Sonnenschein ist dieser Helligkeitsunterschied sehr groß. Bei bewölktem Himmel (diffuses Licht) ist der Dynamikumfang etwas niedriger und somit für die Kamera und den Fotografen besser einzufangen.

In der Architekturfotografie ist oftmals der Kontrast zwischen Gebäuden und Himmel ein Problem. Bei Nachtaufnahmen oder Aufnahmen zur blauen Stunde ist der Dynamikumfang zwischen Lichtern und Schatten hoch. Beleuchtete Fenster können ebenso ein Thema sein. Neben einer Kamera mit höherem Dynamikumfang lässt sich dieses Problem auch mit der Nachbearbeitung lösen.

Sollte ich beim Kauf einer neuen Kamera auch auf den Dynamikumfang achten?

Wenn du vorrangig diese Motive fotografierst, dann würde ich darauf Wert legen. Zusätzlich gibt es aber die Möglichkeit, hohen Dynamikumfang mittels mehreren Belichtungen und Nachbearbeitung in den Griff zu bekommen. Das gilt aber nur dann, wenn sich dein Motiv nicht groß bewegt, es kommt also eher in der Landschafts- und Architekturfotografie zur Anwendung. Mehr dazu weiter unten.

Eine Kamera mit einem gutem Preis-Leistungs-Verhältnis und hohem Dynamikumfang ist beispielsweise die Sony Alpha 7 III, die ich aktuell nutze. Mehr Infos zu dieser Kamera findest du in meinem Sony Alpha 7 III Test.

Sony Alpha 7 III

Sony Alpha 7 III

Was hat HDR mit Dynamikumfang zu tun?

HDR steht für High Dynamic Range und befasst sich genau mit dem Thema des Dynamikumfangs. Mittlerweile ist HDR nicht nur in der Fotografie ein Thema, sondern auch bei Spielekonsolen und Fernsehern. HDR als Feature gibt hier an, ob der Fernseher oder das Spiel besonders hohe Kontraste im Bild gut darstellen kann.

Was bedeutet DRI?

Der Begriff DRI kommt primär in der Architekturfotografie zum Einsatz und steht für Dynamic Range Increase. Grundsätzlich geht es also auch hier darum, den Dynamikumfang zu erhöhen. Doch wie funkti29oniert das genau?

Hohen Dynamikumfang mit mehreren Belichtungen einfangen (Exposure Blending, HDR, DRI)

Es gibt die Möglichkeit, von einer Szene mehrere Belichtungen zu machen. Wenn du unterschiedliche helle und dunkle Belichtungen aufnimmst, dann hast du in den jeweiligen Aufnahmen auch unterschiedliche Bildbereiche so belichtet, dass darin noch Details zu finden sind.

Eine Möglichkeit dafür ist die Funktion “Belichtungsreihe” in den Kameraeinstellungen. Je nach Einstellung wird dann ein zwei Blenden unterbelichtetes, ein normal belichtetes und ein zwei Blenden überbelichtetes Bild aufgenommen. Es ist aber auch möglich, dass du die Einstellungen für die jeweiligen Belichtungen selbst vornimmst.

Diese Belichtungen kannst du dann in der Nachbearbeitung zusammensetzen. Dafür gibt es unterschiedliche Methoden.

Quirang - Sonnenaufgang auf der Isle of Skye

Quirang – Sonnenaufgang auf der Isle of Skye

Wie ich diese Technik bei meinen Landschaftsbildern anwende, erfährst du in meinem Videokurs über Bildbearbeitung in der Landschaftsfotografie.

Wie sind deine Erfahrungen mit Dynamikumfang? Wie gehst du mit diesem Problem um? Achtest du beim Kauf einer neuen Kamera darauf? Schreib mir in den Kommentaren!

12 Kommentare

  1. Nutzer Avatar
    Daniel Roig

    Hallo Matthias, danke für deine wertvollen Beiträge und Tipps. Ich besitze eine bescheidene Sony Alpha 6000 und möchte dich fragen, ob sich ein Polfilter für diese Kamera lohnt, besonders für die hellen und dunklen Bereiche in der Landschaftsfotografie.

    Grüße aus Argentinien.
    Daniel

  2. Nutzer Avatar

    Danke Matthias,

    deine Erklärung zu diesem Thema ist für mich sehr aufschlussreich, und ich kann damit die Kamera entsprechend einstellen!

    LG Othmar

  3. Nutzer Avatar

    Da hast Du ein wichtiges Thema aufgegriffen und gut erklärt. Wichtig ist es meiner Ansicht nach den RAW und jpeg Unterschied nicht nur mit dem nötigen Aufwand der Nachbearbeitung bei den Aufnahmen zu vergleichen. Vielmehr beeinflußt die verwendete Bildelektronik, je nach Kamera Hersteller das Ergebnis im jpeg-Format und man lernt dabei eigentlich nie den Dynamikumfang seiner Kamera – oder besser Sensor, wirklich kennen. Fotografieren soll doch eigentlich spannend und herausfordernd sein.
    Gruß Axel

    • Nutzer Avatar

      Hallo Axel,

      danke dir! Ob RAW oder JPG kommt ganz auf die Anforderungen an. Es gibt ja mittlerweile auch schon Hersteller wie Fuji, die wirklich gute JPGs abliefern.

      Liebe Grüße,

      Matthias

  4. Nutzer Avatar
    Wolfgang

    Durch Raw-Nachbearbeitung mit Lightroom bei Belichtung auf die hellen Bereiche (Himmel), habe ich die besten Erfolge . Da muss man aber die Nachbearbeitung lieben 🙂

    • Nutzer Avatar

      Hallo Wolfgang,

      in Lightroom lässt sich sehr viel herausholen, aber auch RAWs haben wie oben erwähnt ihre Grenzen. Wichtig ist ja nur, dass du für dich ein Vorgehen gefunden hast, was gut funktioniert.

      Liebe Grüße,

      Matthias

  5. Nutzer Avatar
    Bernd Chr.Müller

    Du solltest auch dazu schreiben, dass Nikon schon immer die Kameras hatte, die im Dynamikumfang den Kameras ihrer Konkurrenz im gleichen Preissegment überlegen waren. Die D850 ist im DSLR Bereich z.B. unerreicht. Da kommt keine ran. In den von Dir auch hier im Text verlinkten DXO Mark Charts sind speziell in Bezug auf die Dynamik auf den ersten, sagen wir mal 20 Plätzen, sehr sehr viele Nikon Kameras platziert.

    • Nutzer Avatar

      Hallo Bernd,

      im DSLR Bereich ist Nikon in der Tat gut unterwegs. Bei den spiegellosen Systemkameras gibt es mittlerweile mehrere Hersteller, die hier gute Werte abliefern.

      Liebe Grüße,

      Matthias

  6. Nutzer Avatar
    Daniel Spenner

    Meine Kamera hat trotz Crop-Sensor einen hohen Dynamikumfang. Ich belichte nach Histogramm und ergänze notfalls eine Zweitbelichtung. Da ich keine Liebhaber der Nachbearbeitung bin, nutze ich nach wie vor Grauverlaufsfilter, um den Dynamikumfang besser auszugleichen.

    • Nutzer Avatar

      Hallo Daniel,

      ich habe ja auch die letzten 15 Jahre mit einem Crop-Sensor fotografiert, da hat sich auch viel entwickelt. Und Grauverlaufsfilter sind natürlich auch eine Möglichkeit 🙂

      Liebe Grüße,

      Matthias

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